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Kategorie: Verhalten
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Viele Papageienhalter haben schon von instinktiven Verhaltensweisen gehört. Was steckt eigentlich dahinter - und wie wirken sich Instinkte auf das Verhalten der Papageien aus?

Da ist zuerst einmal der Schwarmtrieb vieler Papageien. Der Schwarm besteht im Freileben meist aus den Vertretern der eigenen Art. Manche Papageien schliessen sich aber auch zu gemeinsamen Schwärmen mit anderen Arten zusammen. Leben aber Papageien mit Menschen zusammen, so werden alle Familienmitglieder als schwarmzugehörig betrachtet. Dabei sind auch andere Haustiere, egal welcher Gattung mit eingeschlossen.


Wenn ein Papagei schreit, dann schreien die anderen mit; putzt er sich gemütlich so tut es auch sein Partner ja der ganze Schwarm; frisst er - fressen auch die anderen. In Freilandbeobachtungen können viele solcher Verhaltensweisen beobachtet werden. Der Drang der Gruppe sich anzupassen und ebenfalls zu tun, was der gesamte Schwarm tut ist so stark, dass Individuen, die sich anders verhalten und sich der "Schwarmharmonie" nicht anpassen nicht im Schwarm geduldet und ausgestossen werden. Dies erklärt auch das Verhalten kranker Papageien. Sie versuchen so lange es irgendwie möglich ist, ihre Krankheit zu verbergen um nicht aus dem Schwarm ausgestossen zu werden, da dies in den meisten Fällen ihr Todesurteil ist!

Daher ist es für den Halter immer höchste Eisenbahn sofort mit seinem Tier einen papageienkundigen Tierarzt aufzusuchen, wenn er das geringste Anzeichen einer möglichen Krankheit zeigt, da diese dann oft schon so weit fortgeschritten ist, dass der Papagei sie nicht mehr verbergen kann.

Ein Beispiel soll das Schwarmverhalten auch in Menschenhand verdeutlichen:

Gestern wollte ich meine Papageien wie jeden morgen wieder in ihre Voliere setzen nachdem ich das Futter zubereitet und hineingegeben hatte. Romeo erschrak vor meiner (in diesem Moment scheinbar bedrohlichen) Handbewegung (was er sonst nie tut) und flog erst einmal quietschend aus dem Weg. Tunja, die sonst immer sofort auf die Hand steigt wich zurück und zwickte mich leicht in die Hand. Was war geschehen? Ganz einfach - der Schwarmtrieb hatte das Verhalten gesteuert! Ein Papagei zeigte Unsicherheit, also Übertrug sich diese sofort auf den nächsten.

Was hat dieses Verhalten nun für Konsequenzen für den Halter? Erkennt er diese instinktgesteurten Verhaltensweisen und handelt dannach, so wird sich das Zusammenleben mit seinen Papageien für alle Seiten wesentlich angenehmer gestalten, da er versteht, was seine Tiere tun - und vor allem warum sie es tun!

Im Fall meiner Papageien hiess dies nichts anderes als einfach ein paar Minuten abzuwarten, bis sich die Unruhe wieder gelegt hatte. Also ging ich weg und kehrte nach 10 Minuten zurück und setzte die Papageien in die Voliere, die nun alle ganz selbstverständlich auf die angebotene Hand stiegen. Wieder folgten die beiden nachfolgenden Tiere dem Beispiel des ersten Papageis, der ohne zu zögern die Hand annahm. Der Schwarmtrieb hatte dafür gesorgt, dass das "es ist alles in Ordnung" auf die beiden anderen übertragen wurde.

Wichtig ist es, hier zu verstehen, warum Tunja gezwickt hat! Nicht weil sie "böse" ist - oder weil sie mich nun plötzlich nicht mehr mag. Es war einzig und allein Romeos Erschrecken, welches die Reaktion bei ihr auslöste. Dies ist kein bewusstes Handeln, sondern geschieht rein instinktiv - daher darf ein solches Verhalten niemals bestraft werden. Der Papagei könnte gar nicht verstehen warum! Er hat nur getan, was ihm sein Instinkt befohlen hat und dagegen kann er sich nicht wehren - egal wie zahm er ist, da dieses instinktiv gesteuerte Verhalten immer Vorrang hat.

In der Natur hilft dieses Verhalten den Tieren zu überleben. Duckt sich ein Tier z.B. zu spät in die Deckung, weil plötzlich ein Feind kommt - so ist es um den Zögerer schon geschehen. Es hat keine Zeit nachzudenken, sondern der Instinkt steuert das Verhalten. Daher überlagert die instinktive Handlung die erlernten Verhaltensweisen (wie z.B. die Zahmheit gegenüber dem Menschen).

Ein weiterer sehr starker Instinkt ist das Fliegen. Nun werden sich viele verwundert die Augen reiben und sagen wieso fliegen - das ist doch völlig normal für Papageien. Wie stark gerade dieser Instinkt aber das Verhalten der Papageien beeinflusst ist vielen Haltern gar nicht bewusst.

Papageien sind potentielle Beutetiere. Bei Gefahr suchen sie ihr Heil in der Flucht - und dies tun sie i.d.R. indem sie auffliegen. Ein Papagei der gestutzt oder angekettet ist, denkt im Augenblick der Gefahr nicht nach - er fliegt los. Dies hat bei Tieren, die es nicht mehr können oft fatale Folgen! Verletzungen wie Knochenbrüche des Brustbeins, der Flügel, des Schnabels oder der Rippen sind dann die Folge! Der Papagei handelt rein instinktiv, d.h. er startet durch bei Gefahr.

Papageien fliegen aus vielen Gründen. Sie tun es weil sie einen Futterplatz aufsuchen, zu ihrem Schlafplatz fliegen, einen Nistplatz suchen und - auch einfach aus Freude am Fliegen - einfach so. Verwehrt man nun einem Papagei diesen Teil seiner Fähigkeiten so hindert man ihn an seiner natürlichen und instinktgesteürten Art sich fortzubewegen. Das dies nicht einmal im Ansatz artgerecht sein kann, darauf muss ich hier sicher nicht mehr hinweisen.

Diese beiden Instinkte können von einem Instinkt überlagert werden, der noch viel stärker ist, als die beiden erstgenannten - der Bruttrieb. Dieser Instinkt wird u. a. auch durch eine sehr starke Erhöhung des Hormones Testosteron im Blut gesteuert. Je höher dieser Spiegel ist, desto stärker ist der Bruttrieb - und damit oft auch die Aggressions- und Verteidigungsbereitschaft der Papageien.

Kommen Papageien in Brutstimmung, so sondern sie sich vom Schwarm ab. Dieser möchte mit dem brutlustigen Paar, dass sich plötzlich ganz anders verhält als der Rest des Schwarmes auch gar nichts mehr zu tun haben. Das Paar wird sich absondern, einen Brutplatz suchen und diesen auch verteidigen. Dieser Instinkt ist sehr stark und überlagert auch andere Verhaltensweisen.

Ein brutlustiges Paar greift nicht aus Bösartigkeit an, sondern weil es den Nistbereich, den Partner/die Partnerin, die Jungtiere oder das Revier bzw. die Futterquellen verteidigen will. Da dieser Instinkt der Arterhaltung dient ist er sehr stark ausgeprägt.

Was heisst dies nun für Papageien in Menschenhand? Es bedeutet, dass Papageien in Brutstimmung oft rel. angriffslustig reagieren. Daher sollte das Betreten des Brutreviers durch den Menschen in dieser Zeit stark reduziert oder sogar unterlassen werden wo möglich. Ist der Papagei als Einzeltier mit einem Menschen verpaart, so greift er ebenfalls an - und das kann für andere Menschen sehr schlimme Folgen haben. Diese Angriffe sind keine Abartigkeit des Papageien, sondern (aus seiner Sicht) völlig natürliche Reaktionen, die der Arterhaltung dienen. Da er leider nun einmal mit einem Menschen verpaart ist, kann er nicht alle seine Triebe ausleben und es kommt zu einem sog. Triebstau.

Dieser führt dann oft zu sog. Übersprunghandlungen, da der Papagei gezwungen ist, seinen Hormonstau (Triebstau) abzubauen. Diese Übersprunghandlungen sind i.d.R. mit sehr starken Aggressionen verbunden. Mensch sagt dann: "der Papagei ist bösartig" - das ist so aber nicht richtig - er handelt einfach nur nach seinen natürlichen Instinkten. Der Instinkt zwingt ihn dazu seinen Testosteronsstau abzureagieren ,damit er körperlich keinen Schaden nimmt. Das Hormon wird durch die aggressive Reaktion abgebaut - sozusagen verbraucht. Da der Mensch ihm beigebracht hat ihn als "Papageienersatz" zu behandeln, tut er nur, was er gelernt hat wenn er ihn als Partner behandelt. Diese Fehlprägung ist es, die für den Menschen dann oft sehr unangenehme Folgen hat.

Oft versucht z.B. der Papagei "seinen " Menschen zur Bruthöhle zu locken - so wie in der Natur eben der Partner den Nistplatz untersucht und für gut - oder auch für nicht geeignet befindet. Natürlich wird dieses Brutrevier auch gegen alle anderen verteidigt, die nicht der Partner des Papageies sind. Ob dies nun andere Haustiere oder Menschen sind, spielt keine Rolle - der Nistplatz wird verteidigt. Natürlich soll Mensch nun auch die anderen Triebe befriedigen, die zum Brutgeschehen nun einmal dazu gehören. Sich paaren, den Partner putzen, füttern oder füttern lassen, den Nistplatz mit bewachen, die Futterquellen verteidigen etc.

Für andere Mitbewohner des Haushalts ist daher die Paarungszeit eines "Menschenpapageis" eine sehr gefahrvolle und unangenehme Zeit. Die Angriffe brutlustiger Papageien können für Menschen sehr gefährlich sein und sind gerade bei zahmen Tieren (die keinerlei Scheu/Respekt mehr vor Menschen haben) nur sehr schwer abzuwehren. Leider werden viele Papageien genau aus diesem Grund zum Wanderpokal. Der Mensch, der die feste Paarbindung des Papageis genutzt hat um ihn an sich zu binden, ist sich oft gar nicht bewusst, was er damit in Gang gesetzt hat. Dummerweise ist es dann wieder der Papagei, der einerseits die Ignoranz des Halters, andererseits dessen Weigerung sich über sein "Haustier" richtig zu informieren ausbaden muss. Der Papagei lebt in beständiger Frustration, da er seine Triebe nicht ausleben kann und so manches Mal dann auch noch von seinen Besitzern für Verhaltensweisen bestraft wird, die völlig natürlich und normal sind.

Leider versuchen viele Halter nicht sich in das Wesen ihres Papageis hineinzuversetzen, sondern "vermenschlichen" seine Verhaltensweisen. Immer dann, wenn wir die Verhaltensweise unseres Hausgenossen Papagei nicht nachvollziehen können, sollten wir uns versuchen daran zu erinnern, dass er sehr stark von seinen natürlichen Instinkten gesteuert wird. Wir sollten daran denken, dass er ein Fluchttier ist, dass flieht oder sich verteidigt, wenn es nicht mehr fliehen kann und viele Dinge gerade aus dem Grund tut der sein eigentliches Wesen ausmacht....weil er ein Papagei ist.

Ein sehr wesentlicher Punkt, der vielen gar nicht bewusst ist ist die Ursprünglichkeit der Verhaltensweisen von Papageien, da sie nicht domestiziert sind, sondern immer noch Wildtiere. Die Domestikation (Haustierwerdung) erfolgt über viele Generationen in denen der Mensch durch Auslese in der Zucht die Wildform zu seinem Nutzen verändert.

Die Folgen können auffällige Farbvarianten, verminderte Aggression, verstärkter Fortpflanzungstrieb, verminderte Brutpflege, 20 - 30%ige Abnahme der Gehirnmasse sowie verminderte Flucht- und Verteidigungsbereitschaft sein. Während Haustiere den Bedürfnissen des Menschen angepasst werden, müssen Menschen die Wildtiere halten deren Bedürfnissen Rechnung tragen. Sie müssen aktzeptieren, dass Wildtiere ihren ursprünglichen Instinkten gehorchen. Auf den Papagei bezogen bedeutet dies, dass die Erwartungshaltung gegenüber dem vermeintlich zahmen Papagei zu hoch sein kann, da er seinen Instinkten gehorcht, die durchaus im Widerspruch zu seinem sonstigen Verhalten stehen können.